Lubunya Filmwelten. Queer-aktivistische Filmpraktiken im Kontext der LGBTI+ Bewegung in der Türkei
Das interdisziplinäre Projekt untersucht, wie queere Subjektivität ästhetisch und narrativ im Film dargestellt und mit größeren soziopolitischen Kontexten verstrickt wird. Die Analyse zeigt, wie diese Repräsentationen durch queer-aktivistische Praktiken der Filmvorführung politische, subjektive sowie kollektive Identität stiften, Community und Gegenöffentlichkeit bilden und zur Verbreitung eines queeren Gegendiskurses beitragen. Der Fokus liegt auf den queer-aktivistischen Filmpraktiken zweier Organisationen, welche die kollektive Identität der LGBTI+ Community in der Türkei bis heute maßgebend prägen: „Lambda Istanbul“ – die als Pionierorganisation die LGBTI+ Bewegung formte und Meilensteine wie die erste Pride veranstaltete – sowie das LGBTI+ Filmfestival „Pembe Hayat KuirFest/Pink Life QueerFest“, das von der gleichnamigen Trans* Rechteorganisation „Pembe Hayat“ veranstaltet wird. Während „Lambda Istanbul“ historische und affektive Fundamente für die Community legte, schafft das „Pembe Hayat KuirFest“ heute einen queer-aktivistischen, kulturellen Safe-Space, der das Zusammenkommen, die Solidarisierung und das gemeinsame Schaffen von queerer (Film-)Kultur ermöglicht.
Ein weiteres Augenmerk gilt den Dynamiken zwischen globalisierter bzw. transnationaler LGBTI+ Identität und lokalen Formen von Queerness – hier als kuire oder Lubunya Praktiken bezeichnet. Das Projekt analysiert, wie diese Aushandlungen in einem gesellschaftlich stark von Verwestlichungsdiskursen strukturierten, mehrheitlich muslimischen Land wie der Türkei filmisch repräsentiert und problematisiert werden. Zudem untersucht die Arbeit, wie sich globale Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse – etwa bei der Finanzierung des „Pembe Hayat KuirFest“ – in der queer-aktivistischen Filmpraxis manifestieren und wie sie in der kuratorischen Gestaltung von Festivalmitarbeiter*innen reflektiert und unterlaufen werden.
Die Forschungsarbeit zeigt, dass Filme und ihre Kuration, Vorführung und Rezeption in diesen Kontexten als fundamentaler Teil der queer-aktivistischen Praxis betrachtet werden müssen. Das kollektive Sichten innerhalb der queeren Gegenöffentlichkeit erlaubt eine politische, aber auch affektive Begegnung mit Repräsentationen von Queerness, die wichtige Identifikationsprozesse anstößt, weshalb diese Filmpraktiken gleichzeitig als Care-Infrastruktur fungieren. Film wird hier zu einer aktivistischen Praxis, die (Gegen-)Diskurse bildet, queere Subjektivitäten formt und Handlungsfähigkeit generiert.



Profil
Sema Çakmak ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Graduiertenkolleg „Konfigurationen des Films“ an der Goethe-Universität Frankfurt. Im Bachelor studierte sie Theater- und Medienwissenschaft und Frankoromanistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Filmwissenschaft an der Université Aix-Marseille. Sie erhielt ihr M.A. im internationalen Masterprogramm Film und audiovisuelle Medien (IMACS) an der Goethe-Universität Frankfurt, Université Sorbonne Nouvelle Paris 3, Université de Liège. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Queer Cinema, Festival Studies und politische Filmkulturen.
cakmak[at]tfm.uni-frankfurt.de