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Katharina Jost
Doktorand_In, dritte Kohorte (2023-2026)

Die Phantasie der Home Movies. AuswanderInnenfilme zuhause

Das Dissertationsprojekt widmet sich einem bislang wenig erforschten Phänomen des privaten Films: den Phantasien, die ihn und die Objekte um ihn herum bzw. in seiner Sichtweite begleiten. Die These der Arbeit ist, dass der Familienfilm als Sehnsuchtsträger von Erfolgsgeschichten im transatlantischen Transfer anhand der Exotisierung seiner Topoi Besitz imaginär und dabei durchaus kolonial reklamiert und somit in der Überzeichnung seine eigene Struktur überdeutlich macht.

 

Die Arbeit will diese Phantasien am Beispiel von transatlantisch zirkulierenden Familienfilmen einer Hamburger AuswandererInnenfamilie, welche von 1951 bis in die 70er Jahre in Venezuela lebte, einfangen. Das Material besteht im Kern aus einer Privatsammlung, in der sich alles um den Nachweis neugewonnener Mobilität und Ferne dreht. An den Bildern dieser 8-mm- und Super-8-Filme ist nichts ungewöhnlich: Wir sehen Feiern, Blicke vom Deck des Schiffs oder eine Szene auf der Insel einer Hauptverkehrsstraße in Caracas. Spannend wird es, wenn man ihre völlig übersteigerte Rahmung in den beiden Orten der Vorführung im Raum der Familie (Hamburg und „Hamburg-Caracas“) mit hinzuzieht.

 

Ich habe die Gelegenheit dazu, dieser Rahmung habhaft zu werden, da diese zu meinem eigenen imaginären Besitz gehört. Dass ich wiederum von ihr „besessen“ (Johnson 2011) bin, zeigt schon allein die Tatsache, dass ich diese Sammlung zum Gegenstand meiner Dissertation mache. Die Familie des filmenden Uhrenkaufmanns ist meine eigene Familie, deren Haus zu Beginn meines Projektes mit seiner Ausstattung im Kern noch existierte. Dabei interessiert mich besonders das Ausufern dieser Bilder privater und öffentlicher Natur.

 

Die Wiederholung des Aufbruchs findet sich bei den Hinterbliebenen. Die Wohnung in Hamburg, in der die Filme landeten, ist auf Teilhabe an Ferne und Inszenierung eigener Beweglichkeit ausgerichtet. Das Verfügen über Bilder, die eine transatlantische Reise hinter sich haben, wird in der Wiederholung zur überdrehten Vergewisserung, dass man sich ebenfalls bewegt und Anteil hat.

 

Den Ausgangspunkt meines Projektes bildet diese Sammlung topischer Bilder und Vorstellungen, die den Bildpool und die kleine Welt meiner eigenen Familie ausmachen. Ich habe damit Zugriff sowohl auf die Bildproduktion einer Hamburger Kaufmannsfamilie als auch auf den Ort und seine Ausstattung, an dem diese Filme vorgeführt werden. Und hier zeigt sich, dass die Filme nicht einfach die Dokumentation eines privaten Alltags sind, sondern dass dieser Alltag um diese Filme gerade in seinem ungewöhnlich exzessiven Umbau paradigmatisch wird.

 

Wie kamen die Bilder aus der Karibik ins deutsche Wohnzimmer? Was ist hier eigentlich der Urlaubsfilm? Wo ist der Film? Im vorliegenden Fall in Koffern, Plastiktüten, einem Wandschrank und in diesem Moment in einem Schreibtisch in Frankfurt am Main.

 

Fig. 1:
Screenshot aus Dieters Farm II (Familienfilm, Venezuela 1958, 8 mm), priv. Sammlung Krasemann, Hamburg.
Fig. 2:
Die Großeltern halten Eis in die Kamera, Screenshot aus Caracas Regina, Bellevue (Familienfilm, Venezuela 1957, Deutschland 1956, 8 mm), priv. Sammlung Krasemann, Hamburg.
Fig. 3:
Wohnzimmerwand Agnes und Otto (Photographie 1956, Fotoalbum, ohne Datum), priv. Sammlung Krasemann, Hamburg.

Profil

Katharina Jost ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Graduiertenkolleg „Konfigurationen des Films“ und Doktorandin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie hat an dieser und an der Universität Wien Theater-, Film- und Medienwissenschaften sowie Kunstgeschichte studiert. Seit 2013 war sie freie Mitarbeiterin am DFF (Deutsches Filminstitut & Filmmuseum). Dort schrieb sie u. a. Texte für eine Online-Ausstellung und hat in Podcasts Objekte der Sammlung vorgestellt. Ebenfalls arbeitete sie orientalische Motive auf Laternenbildern des Hauses auf. Sie hat in kunstgeschichtlichen und filmwissenschaftlichen Kontexten publiziert. Für das Kolleg hat sie neben einer Tagung (Kloster Eberbach, 2025) die internationale Konferenz „Moving Image Remains“ (2026) mitorganisiert und ist Mitherausgeberin der gleichnamigen Publikation (in Vorbereitung). Neben ihrer akademischen Laufbahn ist sie an künstlerischen Projekten beteiligt, organisiert Konzerte und spielt und singt in einer Band. Ihre Forschungsthemen sind u. a.: Pro­jek­tio­nen, Wohnzimmer, Home Movies, Ama­teur­film, (vir­tu­el­le) Reisen.

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