Filme für die Felder: Gebrauchsfim im Sowjetischen Ländlichen Raum
Das Projekt untersucht den Einsatz und die Zirkulation von Gebrauchsfilmen im ländlichen Raum der UdSSR während der frühen Phase der Kollektivierung in den 1920er und 1930er Jahren. Die Dissertation versteht die ländliche Filmdistribution als ein durch spezifische räumliche Bedingungen geprägtes Umfeld. Dazu gehören eine ungleichmäßige administrative Präsenz, eine begrenzte Infrastruktur und materielle Knappheit. Diese Bedingungen konzeptualisiere ich als schwache Institutionalisierung (weak institutionality) und setze sie in Beziehung zum Gebrauchsfilm, der bislang vor allem in relativ stabilen institutionellen Kontexten untersucht wurde, etwa im betrieblichen und industriellen Bereich, im Bildungswesen oder innerhalb staatlicher Institutionen. Die räumliche und historische Konfiguration der ländlichen Filmdistribution bietet somit die Möglichkeit, den Blick von den Bedingungen der Filmnutzung auf die fortlaufende Hervorbringung dieser Bedingungen zu verlagern und das Dispositiv als eine dynamische Kategorie zu analysieren.
Diese Fragestellung verfolgt das Projekt auf drei miteinander verbundenen Ebenen: der Analyse der filmischen Form, der Analyse der Praktiken, durch die Filme genutzt wurden, sowie der Analyse der infrastrukturellen Anordnungen, durch die sie zirkulierten und vorgeführt wurden. Untersucht werden Praktiken der Neumontage und der Kompilation aus bereits vorhandenem Filmmaterial sowie Prozesse der Zensur und redaktionellen Intervention als Formen der Umordnung, durch die Filme an veränderte institutionelle und politische Anforderungen angepasst wurden. Anstatt den Film als stabiles Objekt zu behandeln, verstehe ich ihn als Träger von Regimen (nicht-)institutioneller Bearbeitung. Diesen Ansatz übertrage ich auch auf die Bedingungen von Distribution und Vorführung und begreife die ländliche Filmdistribution als ein mediales Gefüge (media assemblage), das häufig durch Ad-hoc-Praktiken, Improvisation und Do-it-yourself-Initiativen konstituiert wurde.
In diesem Sinne lässt sich Filmnutzung als eine zeitliche Konfiguration verstehen, die unter Bedingungen von Knappheit, politischem Druck und sich verändernden Prioritäten hervorgebracht wurde. Diese Perspektive legt nahe, das Spektrum der dem Gebrauchsfilm zugeschriebenen Funktionen über pädagogische und propagandistische Zwecke hinaus zu erweitern. Dazu gehören auch bürokratische Funktionen innerhalb von Systemen der Berichterstattung und Rechenschaftslegung, die Anpassung an lokale Gegebenheiten sowie performative Praktiken, durch die Filme dazu beitrugen, die Erfüllung sich wandelnder politischer Anforderungen sichtbar zu machen. Zusammengenommen ermöglichen diese Perspektiven, Gebrauchsfilm als eine mediale Praxis zu untersuchen, die durch sich verändernde politische, institutionelle und materielle Bedingungen geprägt ist.



Profil
Victoria Elizarova ist Doktorandin im DFG-geförderten Graduiertenkolleg „Configurations of Film“ an der Goethe-Universität Frankfurt. Sie studierte Filmwissenschaft am Gerassimow-Institut für Kinematographie (WGIK) in Moskau. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatlichen Russischen Filmarchiv (Gosfilmofond) war sie an der kuratorischen Erschließung einer Filmsammlung beteiligt. Darüber hinaus war sie als Programmgestalterin und Mitglied von Auswahlkomitees für mehrere Filmfestivals tätig. Zu ihren Forschungsinteressen gehören Infrastrukturen, Gebrauchsmedien und (post-)sozialistische Kultur.
