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Johanna Laub
Doktorand_In, zweite Kohorte (2020-2023)

Vergangenheit in Bewegung: Anarchivische Praktiken in audiovisueller Gegenwartskunst

Seit den 1990er Jahren findet in der zeitgenössischen Kunst eine nachhaltige Auseinandersetzung mit Zeit, Erinnerungskultur und Geschichtsschreibung statt. Das Archiv ist dabei als Ort in den Fokus geraten, der durch seine Ein- und Ausschlussmechanismen den Zugang zur Vergangenheit maßgeblich reguliert. Künstler*innen haben sich an dieser Autorität des Archivs abgearbeitet, seine Befangenheit und Lücken aufgezeigt oder selbst idiosynkratische Sammlungen aufgebaut. Ihre Aufmerksamkeit für das Archiv reagiert nicht zuletzt darauf, dass dieses unter Druck geraten ist: Durch zivilgesellschaftliche Akteur*innen, die eine andere Erinnerungskultur fordern, aber auch durch einen technologischen Wandel, der das Verständnis des Archivs verändert.

Das Promotionsprojekt fokussiert sich systematisch auf den Beitrag von audiovisueller Kunst in diesem Feld. Ich beziehe mich dabei auf einen heterogenen Korpus von Essayfilmen, Videoinstallationen und experimentellen Dokumentarfilmen, die sich zum Teil fließend zwischen Kunstfeld, Kino und digitalen Plattformen bewegen. In enger Auseinandersetzung mit Arbeiten von u.a. Filipa César, Harun Farocki & Andrei Ujică, Onyeka Igwe, Agnieszka Polska, Hito Steyerl, Deborah Stratman und Ana Vaz arbeite ich das anarchivische Potential ihrer Praktiken heraus: Das zu aktivieren, was innerhalb des Archivs gegen das Archiv anarbeitet. Das Archiv wird hier als eine Figur der Medialität verstanden, die besonders in der Störung sichtbar wird: Dort, wo das Archiv zusammenbricht und zerstreut wird, wo seine Grenzen porös werden oder seine Präsenzeffekte von Abwesenheit heimgesucht werden. In diesem Sinne geht es dem Projekt nicht um eine audiovisuelle Praxis, die das Archiv erneut affirmiert, sondern vielmehr um die Möglichkeiten, seine Operationen zu dekonstruieren.

Profil

Johanna Laub ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Graduiertenkollegs „Konfigurationen des Films“ an der Goethe-Universität Frankfurt. Sie studierte Kunstgeschichte im Bachelor und Master an der Universität Leipzig und der Université de Tours. Im Anschluss arbeitete sie als kuratorische Assistenz an der Schirn Kunsthalle Frankfurt u.a. an den Ausstellungen „Basquiat: Boom for Real“ (2018), „Hannah Ryggen: Gewebte Manifeste“ (2019) und „Big Orchestra“ (2019) und co-kuratierte das Screeningprogramm „Double Feature“. In ihrer Forschung interessiert sie sich für Kunst als Ort der Wissensproduktion, für Archiv- und Geschichtstheorie sowie für die Verknüpfung von Kunst und Medienphilosophie. Von August bis Dezember 2022 war sie Gastwissenschaftlerin an der Mel Hoppenheim School of Cinema der Concordia University, Montréal.

 

laub[at]tfm.uni-frankfurt.de

Mitglieder
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